Ein Vormittag voller Denkanstöße: Die Autorin Jasmin Riter, selbst ehemalige GGS’lerin zu Besuch bei den Deutsch-Leistungskuren der J2: Was meint „weibliches Lesen und Schreiben“ und warum sollte wir uns 2026 damit endlich auseinandersetzen
Von Ulrike Fritz
Goldberg-Gymasium, 21. Mai 2026 – Keine literarischen Pflichtlektüren mehr zu bearbeiten, keine Aufsatzformen mehr üben müssen, denn das schriftliche Abitur ist vorbei. Dank der großzügigen Finanzierung des Vereins der Freunde konnten wir stattdessen einen Einblick in das Leben und Arbeiten einer Schriftstellerin erhalten, die ein klares Statement vermittelt: Unsere Gesellschaft ist divers, also sollten es die literarischen Protagonist*innen aber auch deren Erschaffer und Erschafferinnen auch sein, deutlich mehr als bisher!
Jasmin Riter, Abitur 2002 am GGS, ist studierte Literaturwissenschaftlerin (also in Germanistik aber auch in den vergleichenden Literaturwissenschaften französischer und englischer Literatur) und „feministische“ Schriftstellerin, wie sie sich selbst nennt. Da es keine anerkannte Definition von feministischer Literatur gebe, lediglich von feministischer Literaturkritik, definiere sie dies für sich selbst wie folgt, so Riter: Es gehe nicht darum, nur weibliche Protagonistinnen zu erschaffen, viel wichtiger sei es, Themen und marginalisierten Menschen in der Literatur einen Raum zu geben, die sonst nicht oder kaum vorkommen, z.B. alte, einsame, kranke, arme Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung, Menschen, die Mobbing erfahren etc., also weg vom weißen, männlichen Protagonisten um die 40, der gesund ist und irgendwie auch ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung hat im Leben. Denn der alte „Standard-Held“ hat ausgedient – theoretisch.
Genau hier setzt der Vortrag an, der uns sensibilisiert: Mit einer Mischung aus theoretischem Vortrag zum deutschen Literaturbetrieb und Verlagswesen in den letzten Jahrzehnten, vielen anschaulichen und überraschenden Beispielen aus der aktuellen Buchszene, wie mit weiblichen Autorinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen umgegangen wird (Aprilausgabe der ARD Sendung druckfrisch; der Podiumsdiskussion der Berliner Konferenz republica etc.), Vorstellungen vom Literaturkanon, aber auch mit sowohl einer Prise Humor als auch einer Prise Wut über die weiterhin bestehenden ungerechten Verhältnisse zeigt die Referentin auf, dass der klassische, privilegierte Held nach wie vor den Büchermarkt dominiere. Feministische Literatur, so macht sie schnell klar, ist weit mehr als „Bücher von Frauen für Frauen“. Sie sei ein Werkzeug der Aufklärung, das patriarchale Strukturen hinterfragt und jenen eine Stimme gibt, die am Rand der Gesellschaft stehen.
Durch das Abitur-relevante Themenfeld „Sprache im gesellschaftspolitischen Verwendungszusammenhang“ hatten wir schon viel über die Macht von Sprache diskutiert und wie Sprache und auch Literatur oft ein Spiegel der aktuellen Gesellschaft sind. Wenn dieser Spiegel aber nur einen Bruchteil der Realität zeigt, ist das Bild verzerrt. In diesem Sinne haben die Deutsch Lk‘ler ein neues Genre, „Finale Rage“, kennengelernt, konnten am Büchertisch stöbern und reinlesen und hatten am folgenden Tag im Schreibworkshop, der ebenfalls von Jasmin Riter angeleitet wurde, die Möglichkeit sich selbst als Schriftsteller*innen ausprobieren.




