Junge Fragen, klare Kanten: Sindelfinger Schüler stellen Kandidaten auf die Probe

Podiumsdiskussion zur Landtagswahl
Junge Fragen, klare Kanten: Sindelfinger Schüler stellen Kandidaten auf die Probe
Schüler aus drei Sindelfinger Gymnasien diskutieren mit Vertretern von sechs Parteien über Bildung, Klima, Wirtschaft und Sicherheit. Am Ende zeigt eine Umfrage: Die Debatte hat Wirkung.

Von links: Moderatoren Robin Acar und Ela Ünlü, Christine Schäfer (AfD), Alexander Rudat (FDP), Marcel Kläger (Linke), Lukas Voigt (Grüne), Florian Wahl (SPD), Leon Kolb (CDU). Bild: Fecht

Einen Monat vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg wurde die Aula des Goldberg-Gymnasiums zum politischen Forum: Schüler des Goldberg-, Stifts- und Pfarrwiesengymnasiums hatten Vertreter von sechs Parteien zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Organisiert vom Gemeinschaftskunde-Leistungskurs stand der direkte Austausch zwischen jungen Wählern und der Landespolitik im Fokus. Rund zwei Stunden lang diskutierten die Gäste über Bildung, Chancengleichheit, Wirtschaft und Sicherheit – verfolgt von einem aufmerksamen Publikum vor Ort und im YouTube-Livestream.
Auf dem Podium vertreten waren Marcel Kläger (Die Linke), Florian Wahl (SPD), Christine Schäfer (AfD) sowie Ersatzkandidaten: Lukas Vogt für Umweltministerin Thekla Walker (Grüne), Leon Kolb für die CDU-Direktkandidatin Regina Dvořák-Vučetić und Alexander Rudat für Christine Watrinet (FDP).

Eine erste Abstimmung im Publikum ergab ein deutliches Bild: 33 Prozent der Teilnehmenden gaben an, bei einer Landtagswahl am kommenden Sonntag die Grünen wählen zu wollen. Es folgten CDU (19 Prozent), SPD und Linke (je 17 Prozent). FDP (8 Prozent) und AfD (6 Prozent) lagen deutlich zurück. Ob und wie sich diese Einschätzungen im Verlauf des Abends verändern würden, sollte die zweite Umfrage am Ende zeigen.

Zentrale Themen: Wirtschaft, Klima, Bildung und Sicherheit

Nach einem spielerischen Einstieg mit politischen wie persönlichen „Entweder-oder“-Fragen wurde es schnell ernst. Den ersten inhaltlichen Schwerpunkt bildete die Bildungspolitik. Auf die Frage nach positiven Erfahrungen aus der eigenen Schulzeit nannten die Podiumsgäste engagierte Lehrkräfte, Schulsozialarbeit, Mitbestimmungsmöglichkeiten und ein durchlässiges Bildungssystem.
Spannung kam auf, als eine Schülerfrage die AfD-Rhetorik von „ideologischer Einflussnahme“ an Schulen hinterfragte. Christine Schäfer verwies auf eigene Schulerfahrungen und sagte, Lehrkräfte hätten Schüler früher nicht indoktriniert. Florian Wahl widersprach deutlich: „Der Beutelsbacher Konsens ist weiterhin Grundlage des Unterrichts. Lehrkräfte vermitteln ihre politische Meinung nicht.“ Der Vorwurf der Indoktrination sei gefährlich und klassischer AfD-Wahlkampf.
Auf die Frage der Moderatoren, wie die AfD Ungleichheiten im Bildungssystem abbauen wolle, wenn sie Förderprogramme für benachteiligte Kinder ablehne, antwortete Christine Schäfer: „Wir lehnen keine Förderprogramme für benachteiligte Kinder ab. Das ist ganz falsch.“
Der unmittelbar eingeschaltete Faktencheck widersprach dieser Darstellung. Demnach kritisiert die AfD mehrere Förderprogramme, insbesondere solche zur Inklusion, Sprachförderung für Migranten und sonderpädagogische Unterstützung in Regelschulen. Stattdessen befürworte die Partei Förderschulen oder getrennte Klassen. Christine Schäfer begründete dies damit, dass Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse andere „ausbremsen“ würden und zunächst die Sprache erlernen sollten.
Auch frühkindliche Bildung wurde diskutiert. Grüne, SPD, Linke und AfD sprachen sich für gebührenfreie Kitas aus und argumentierten mit Chancengleichheit und Entlastung der Familien. Die FDP widersprach: Gebührenfreiheit allein schaffe keine neuen Plätze; entscheidend seien Ausbau, Qualität und ausreichend Fachkräfte. Die CDU schlug einen Mittelweg vor: Das letzte Kita-Jahr solle verpflichtend und kostenfrei sein, frühere Jahre weiterhin teilweise beitragspflichtig.
In der Debatte um die Automobilindustrie herrschte überwiegend Einigkeit über ihre historische Bedeutung für das Land. Christine Schäfer betonte den Beitrag der Branche zu Wohlstand und Beschäftigung. Marcel Kläger setzte andere Aspekte: „Baden-Württemberg ist mehr als Autoindustrie. Wir sind ganz clevere Tüftler und Macher – und wir werden auch neue Ansätze finden, abgesehen von der umweltschädlichen Autoindustrie.“
Beim Thema Fachkräftemangel zeigte sich erneut viel Konsens: Bildung, Zuwanderung und gute Arbeitsbedingungen seien gleichermaßen notwendig. Umstritten war allerdings der Begriff „Remigration“, den Christine Schäfer im Zusammenhang mit Fachkräften verwendete.
Mehrere Diskutierende warfen ihr vor, einen politisch belasteten Begriff zu verharmlosen, der migrationsfeindliche Narrative bediene.
Bei der Debatte um innere Sicherheit sprachen sich CDU und SPD für einen handlungsfähigen Rechtsstaat aus, die Grünen für Prävention, Bildung und gesellschaftlichen Respekt.
Weitere Punkte der Diskussion waren Wehrpflicht, Polizeigewalt und der Schutz von Demonstrierenden. Während einzelne Redner angesichts der Lage in der Ukraine die Wehrpflicht für denkbar hielten, sprachen sich SPD und Linke für Freiwilligkeit aus. Auf eine Frage aus dem Publikum, die sich auf Polizeigewalt und deren Vermeidung bezog, sprach sich Florian Wahl für Bodycams und konsequente Kennzeichnung der Beamten aus, um Transparenz zu schaffen.

Die Zweierduelle

In den Zweierduellen wurden die Konfliktlinien noch einmal zugespitzt. Im ersten Duell zu Klimaschutz und Wirtschaft zwischen CDU und Grünen erklärten beide, dass diese Themen keinen grundsätzlichen Widerspruch darstellten. „Klimaschutz ist die zentrale Aufgabe des Jahrhunderts, muss aber mit wirtschaftlicher Stärke zusammengedacht werden“, sagte Leon Kolb. Lukas Vogt betonte den Schutz ökologischer Ressourcen und verwies auf den jährlichen Erdüberlastungstag.
Im zweiten Duell trafen FDP und Linke aufeinander. Alexander Rudat warnte vor zu viel staatlicher Lenkung und sprach von Marktversagen durch Überregulierung. Unternehmen wüssten selbst am besten, welche Technologien sich durchsetzen. Dem hielt Marcel Kläger von der Linken entgegen, dass ohne staatliche Eingriffe weder Arbeitnehmerrechte noch soziale Standards existieren würden. Der freie Markt sei eine Illusion, historische Finanz- und Wirtschaftskrisen würden das belegen. Der Staat müsse die Grundlagen setzen, innerhalb derer sich Wirtschaft entfalten könne.
Das dritte Duell drehte sich um Energiepreise und Infrastruktur. SPD gegen AfD. Florian Wahl machte den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und den Wegfall günstiger Gaslieferungen für den Preisschock verantwortlich. Versuche von Christine Schäfer, die Ursachen allein auf CO₂-Bepreisung oder die Bundesregierung zurückzuführen, wies er entschieden zurück.

Änderungen im Meinungsbild

Zum Abschluss des Abends öffnete die Moderation die Diskussion für das Publikum. Viele Schüler nutzten die Gelegenheit, stellten gezielte Fragen an einzelne Kandidaten oder an das gesamte Podium – etwa zu politischer Gewalt, Abschiebepolitik, Polizeigewalt, sexualisierter Gewalt oder zur Wehrpflicht.

Die abschließende Publikums-Umfrage zeigte deutliche Veränderungen: Die SPD legte stark zu und kam auf 64 Prozent der Stimmen. Grüne, CDU und Linke verloren an Zustimmung und lagen etwa gleich auf, die FDP verbesserte sich leicht. Die AfD war in der abschließenden Bewertung nicht mehr vertreten. https://www.szbz.de/nachrichten/artikel/junge-fragen-klare-kanten-sindelfinger-schueler-stellen-spitzenkandidaten-auf-die-probe

Fenja Fecht, SZBZ