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Eine alte Sprache für junge Schülerinnen und Schüler
Liebe Eltern,
Sie wollen, dass Ihr Kind das Gymnasium besucht. Wie Sie wissen, gibt es an den Gymnasien verschiedene Fremdsprachenfolgen und "Profile". Diese unterscheiden sich unter anderem im Hinblick auf die Fremdsprachen: Wie viele Pflichtfremdsprachen sind zu lernen? Welche sind es? In welcher Reihenfolge werden sie gelernt? Eine besondere Möglichkeit gibt es im Raum Böblingen-Sindelfingen-Herrenberg nur am Goldberg-Gymnasium:
Latein als erste Fremdsprache ("grundständiges Latein")
Diese seit langem von uns geführte Sprachenfolge bieten wir seit dem Schuljahr 2001/02 in einer folgender Form an:
Grundständiges Latein mit gleichzeitigem Englischunterricht: "L+E"
Wie sieht die Sprachenfolge im sprachlichen Profil jetzt aus und welche Alternativen bietet es?
Alternativen ab Klasse 8:
Wenn ein Schüler in der Mittelstufe merkt, dass sein Interesse und vielleicht
auch seine Begabung nicht den Schwerpunkt im Sprachlichen hat, kann er zum
"Naturwissenschaftlichen Profil" wechseln. Dann hat er keine
dritte Pflicht-Fremdsprache (also keinen Französisch-Unterricht), dafür verstärkten
Unterricht in den Naturwissenschaften im Rahmen des neuen Kernfachs "Naturwissenschaft
und Technik".
Bei entsprechender Begabung und wenn seit der 5. Klasse der verstärkte
Kunstunterricht besucht wurde, ist auch der Wechsel zum "Kunstprofil"
möglich: Auch hier gilt: keine dritte Pflicht-Fremdsprache (Französisch),
dafür aber: Bildende Kunst als Kernfach.
Für alle drei Profile werden als Arbeitsgemeinschaft ab Klasse 8 Spanisch und
Altgriechisch angeboten.
Im Folgenden wollen wir Ihnen einige Fragen beantworten, die Sie vielleicht zum Lateinlernen überhaupt, zu Latein als erster Fremdsprache und zum Angebot L+E haben.
==> Latein
Wozu lernt man heute noch Latein?
Fangen wir mit dem Praktischen an: Weil man es brauchen kann, z.B. beim
Studium. Denn nach wie vor muss für eine ganze Reihe von Studiengängen
nachgewiesen werden, dass man das "Latinum" oder sogar das
"Große Latinum" erworben hat. (Derzeit ist dies an
baden-württembergischen Universitäten in 18 Fächern des Magister-Studiengangs
nötig - darunter Anglistik, Romanistik, Germanistik, Slavistik, allgemeine
Sprachwissenschaften, Ethnologie, Altphilologie, Orientalistik, Geschichte,
Archäologie, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Pädagogik, Philosophie -, in
zehn Fächern des Lehramtsstudiengangs und in Theologie.) Man kann also sagen:
Ohne Latein ist man in der Wahl des Studienfachs eingeschränkt.
Aber auch in manchem Fach, wo man nicht ausdrücklich verpflichtet ist
Lateinkenntnisse nachzuweisen, sind diese von großem Nutzen, wie
Universitätslehrer immer wieder betonen.
Gewiss ist es möglich, Latein auf der Universität nachzulernen. Aber das ist
für einen Studienanfänger äußerst beschwerlich, es verlängert (und verteuert)
das Studium oft ganz erheblich. 1990 mußten in der Bundesrepublik über 16000
Studenten nachträglich Lateinkenntnisse erwerben. Nach einer Heidelberger
Untersuchung "erscheint es 87 Prozent der Betroffenen heute als Fehler,
nicht schon auf dem Gymnasium Latein gelernt zu haben". Das Kultusministerium
schreibt deshalb im offiziellen "Leitfaden für die gymnasiale
Oberstufe": "Es wird dringend empfohlen, das Latinum (Großes Latinum)
im Rahmen der Schulzeit zu erwerben."
Hat Latein auch sonst noch einen "praktischen
Nutzen"?
Dass Latein durch seine grundlegende sprachliche Schulung das Lernen anderer
Sprachen ganz allgemein erleichtert, ist bekannt. Besondere Vorteile bringt es
für das Französische, Spanische, Italienische, d.h. für die
"romanischen" Sprachen. Sie stammen ja von der "Muttersprache"
Latein ab. Aber auch das Englische ist eine "Stieftochter" des
Lateinischen: Es hat mehr als zwei Drittel seiner Wörter direkt oder indirekt
vom Lateinischen geerbt. Zumindest wer anspruchsvolleres Englisch lesen und
sprechen will, profitiert sehr vom Lateinischen. (Der Englisch-Professor H. J.
Diller von der Uni Bochum sagt sogar: "Lateinkenntnisse sind auch für den
von erheblichem Vorteil, der nichts weiter will, als den aktuellen
Entwicklungen des heutigen Englisch auf den Fersen zu bleiben.") Wir brauchen
aber nicht nur auf die Fremdsprachen zu schauen. Lateinunterricht ist immer
auch Deutschunterricht. Unsere Deutschlehrer merken, besonders wenn sie
Grammatik und Sprachreflexion betreiben, deutlich den Unterschied zwischen
Klassen mit und Klassen ohne Latein.
Schließlich darf man nicht vergessen, dass aus dem Lateinischen, der
traditionellen Bildungssprache, unzählige Fremdwörter genommen wurden und
werden. Wer Latein kann, beherrscht sie schneller und sicherer - das gilt in
der Schule in den verschiedenen Fächern, im täglichen Leben und später in einem
wissenschaftlichen Fachgebiet.
Stimmt es, dass man durch Latein "das Denken
lernt"?
Wir wollen es selbst nur ganz vorsichtig formulieren: Beim Übersetzen
lateinischer Texte wird zweifellos das sprachlogische Denken in ganz besonderer
Weise beansprucht und damit auch besonders geübt. Ein "Nürnberger
Trichter" ist Latein nicht, aber sicher ein wirkungsvoller "Trimmpfad
des Geistes". Insbesondere verlangt sein Sprachbau genaues Hinschauen und
sorgfältiges Auswerten: Lernziele, die heute wichtiger sind als je.
Dass "die Entschlüsselung der lateinischen Texte ein wichtiges Training
gewesen sei", haben viele Schüler in einer Umfrage bestätigt, die 1995 von
der damaligen Kultusministerin Schultz-Hector veröffentlicht wurde.
Zitieren wir dafür noch eine unverdächtige Zeugin: Eine Spezialistin für
Künstliche Intelligenz hat 1992 einen Aufsatz über "Latein im
Komputerzeitalter" veröffentlicht, der mit den Worten schließt: "Mir
scheint ein Lateinunterricht, der [...] die Fähigkeit fördert, durch
Abstraktion komplexe Gefüge strukturieren zu können, eine ausgezeichnete
Vorbereitung für die Bewältigung der technologischen Herausforderungen unserer
Zeit zu sein."
Haben die alten Texte, mit denen man sich im
Lateinunterricht beschäftigt, noch eine Bedeutung für die Gegenwart?
Wenn man die Gegenwart bewältigen will, reicht es nicht aus, nur die Gegenwart
zu kennen. Erst wenn man weiß, wie andere Zeiten und Völker gedacht haben, wie
die Probleme des menschlichen Zusammenlebens früher gelöst worden sind, gewinnt
man Abstand von den eigenen Lösungen und kann sie richtig einschätzen. Das
Lateinlernen führt zur Beschäftigung mit einer Zeit, die so weit entfernt ist,
dass sie einen echten Kontrast zur Gegenwart bietet; so kann es den Horizont
des Nachdenkens entscheidend erweitern.
Auf die großen Persönlichkeiten und bedeutenden Werke, die die Antike
hervorgebracht hat, können wir nicht eingehen. Sicher ist aber: Solche
Gestalten und solche Werke haben die Eigenart, dass sie auch über die Jahrhunderte
hinweg beeindrucken und begeistern können.
Wir sollten auch daran denken, dass das Mittelalter hindurch und noch
Jahrhunderte danach alle Gebildeten Europas Lateinisch sprachen und von antikem
Denken geprägt waren. "Rom ist in zwei Jahrtausenden zum Inbegriff der
europäischen Kultur geworden. Eine Gegenwart, die ihr Latein verlernt, ... wird
die Stimmen nicht mehr verstehen, die aus den Bibliotheken an ihr Ohr
dringen." (So Jan Roß in der FAZ, 15.04.1995).
Jetzt noch ein Plädoyer von ganz unerwarteter Seite. Der
Betriebswirtschafts-Professor W. Pfeiffer von der Uni Erlangen-Nürnberg sagte
1992: Ein Hochschulabgänger "darf nicht nur Technokrat sein, sondern muss
auch Humanist sein mit Verständnis für historische Zusammenhänge und fremde
Kulturen. Nur dies macht ihn einsatzfähig in einer globalen Wirtschaft und
einer weltweit offenen Gesellschaft." Unter den allgemeinbildenden Fächern
"muss das Latein integraler Bestandteil sein, und zwar, weil ich eine
fundierte Lateinausbildung für das Studium der Betriebswirtschaftslehre und die
spätere Karriere als Industrie-Manager für sehr förderlich halte."
Schließen wir mit einem Satz von Altbundespräsident Roman Herzog: "Latein
ist keine tote, alte Sprache; es verliert seinen Wert erst, wenn der Mensch
aufhört zu denken."
==> Grundständiges Latein
Was spricht dafür, mit Latein schon in Klasse 5 zu
beginnen?
Wir haben davon gesprochen, dass Latein die Voraussetzungen für das Erlernen
anderer Sprachen verbessert. Das kommt natürlich nur dann voll zum Tragen, wenn
es vor diesen bzw. gleichzeitig begonnen wird.
Außerdem glauben wir, dass bei den meisten Kindern der frühere Anfang mit
Latein von der psychischen Entwicklung her günstiger ist - mit zehn Jahren
lernt man die Formenlehre lieber und sicherer, als wenn die Pubertät begonnen
hat.
Ist Latein acht Jahre lang Pflichtfach?
Bei "grundständigem Latein" ist das Fach sechs Jahre lang
verbindlich. Am Ende der zehnten Klasse haben die Schülerinnen und Schüler
schon mit der Note "ausreichend" das Latinum erworben. Damit sind sie
für fast alle Studiengänge, die Latein voraussetzen, gerüstet und können nun
entscheiden, ob sie sich in den verbleibenden Jahren in einem vierstündigen
Kurs weiter mit den großen lateinischen Autoren beschäftigen möchten oder ob
sie sich jetzt auf eine andere Sprache konzentrieren wollen und deshalb keinen
Lateinkurs mehr besuchen.
Lernen die Schülerinnen und Schüler mit
"grundständigem Latein" in Englisch und Französisch weniger als
andere?
Wir haben schon bisher die Erfahrung gemacht, dass dies nicht der Fall ist. In
Klasse 12 und 13 (G9) besuchen die Schülerinnen und Schüler aus den
Latein-Zügen dieselben Englisch- und Französisch-Kurse wie jene ohne Latein und
in der Regel erbrachten sie dort im Durchschnitt mindestens gleich gute oder sogar
die besseren Leistungen. Auch in der Spanisch-AG schnitten "Lateiner"
besonders gut ab. Jetzt, wo Englisch ebenfalls in Klasse 5 und Französisch
schon in Klasse 8 beginnt, können wir erst recht ausschließen, dass das
grundständige Latein ein Handikap für die modernen Fremdsprachen mit sich
bringt. Und wenn wir schon dabei sind: Statistisch belegen lässt sich, dass
sogar in Mathematik die grundständigen Lateiner oft bessere Punktzahlen
erzielen als andere. Im Oberschulamtsbereich Karlsruhe wurde für den Abitursjahrgang
1989 untersucht, wie die Schüler der verschiedenen Züge in Mathematik
abgeschnitten haben. Sowohl im Leistungskurs als auch im Grundkurs standen
diejenigen, die Latein als erste Fremdsprache gelernt hatten, mit deutlichem
Vorsprung an der Spitze.
==> L+E: Grundständiges Latein mit gleichzeitigem Englischunterricht
Was genau ist das Besondere an diesem Modell?
Latein ist erste Fremdsprache, aber gleichzeitig lernen die Fünftklässler in
drei Schulstunden pro Woche Englisch. Das ist keine spielerische Beschäftigung,
sondern richtiger Unterricht (es gibt Klassenarbeiten), aber das Fach hat noch
keine Bedeutung für die Versetzung. In Klasse 6 wird Englisch dann zum
regulären Hauptfach. Weil so aber in 6 keine neue Sprache angefangen, sondern
nur eine bereits eingeführte "aufgestockt" wird, kann mit der dritten
Fremdsprache Französisch schon in Klasse 8 begonnen werden (bisher: Klasse 9).
Wie kam man überhaupt zur Einrichtung dieses neuen
Modells?
Dass das Modell L+E vor einigen Jahren am Wieland-Gymnasium in Biberach
entwickelt und bis 2000 von 18 Gymnasien in Baden-Württemberg übernommen worden
ist (Tendenz stark steigend), liegt an der ständig wachsenden Bedeutung des
Englischen in unserer Welt. Viele Kinder, die aufs Gymnasium kommen, hatten
schon in der Grundschule Englischunterricht und möchten die Beschäftigung mit
dem Englischen nicht unterbrechen. Aber auch die anderen haben Erfahrungen mit
der englischen Sprache, z.B. durch den Computer, die populäre Musik, die
Werbung. Daher hatten und haben viele Eltern den Wunsch, mit dem
Englischunterricht nicht bis Klasse 6 zu warten.
Welche weiteren Vorteile hat das Modell?
Bisher hatten die Kinder mit grundständigem Latein manchmal etwas Mühe, sich
nach der mehr reflektierenden Beschäftigung mit der Sprache im Lateinunterricht
dann später auf das spontane Sprechen bei der modernen Fremdsprache
umzustellen. Das entfällt jetzt, wo sie beide Zugänge schon in Klasse 5 kennen
lernen.
Übrigens ist diese Verschiedenheit der Methode der Grund, dass sich die beiden
Sprachen trotz des gleichzeitigen Beginns nicht "in die Quere
kommen".
Gelegentlich kommt es vor, dass einem Kind empfohlen wird, zum Englisch-Zug
oder auf die Realschule zu wechseln. Dieser Übergang ist sehr viel einfacher,
wenn seit Klasse 5 auch parallel Englisch gelernt worden ist.
Und nun die wichtigste Frage:
Kommen die Schüler mit gleichzeitigem Latein und Englisch zurecht?
Wir berufen uns hier auf die Erfahrungen der Schulen, die diesen Zug bereits
anbieten. Und diese Erfahrungen sind durchweg gut: Die Schüler meistern den
"Doppelpack" und sind mit Freude dabei; das Elternecho ist, oft nach
anfänglicher Skepsis, durchweg positiv.
Um zum Schluss noch ein Missverständnis zu vermeiden: Wir wollen keineswegs unsere Lateinzüge als den einzig sinnvollen Weg zum Abitur hinstellen. Schließlich haben wir selbst Züge mit Englisch als erster Fremdsprache. Aber wenn Sie überlegen, welcher Weg durch das Gymnasium wohl für Ihr Kind der beste ist, sollten Sie den mit grundständigem Latein nicht außer Acht lassen.