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Lange hatte der Schülerrat am Goldberg-Gymnasium kein Lebenszeichen von sich gegeben, aber im Herbst 1965 machte er energisch auf einen Misstand aufmerksam: Die Lehrer werden von ihren Schülern nicht genügend gegrüßt!
Zu diesem Zeitpunkt war der Unterrichtsstil immer noch überwiegend autoritär, die Schüler(innen) wurden fast durchweg mit Nachnamen angeredet, Diskussionen oder gar Widerspruch wurden höchst selten zugelassen. Mitte der 60-er Jahre hatte sich das Schulklima gegenüber der unmittelbaren Nachkriegszeit kaum verändert. Aber die Jugendlichen veränderten sich.
Die Monate nach dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 markieren, weit mehr als das legendäre "Achtundsechzig", einen Klimaumschwung innerhalb größerer Teile der Jugend, auch auf dem Goldberg. Im November 1967 kam es zum ersten heftigen Disput: Der SMV liege "ein (oberflächliches, billiges) Partnerschaftsverhältnis, das sehr wenig mit Demokratie zu tun hat", zugrunde, berichtete anschließend die Schülerzeitung "Sprachrohr". Konsequenz: Die neue SMV-Satzung orientierte sich am Modell der direkten Demokratie, ein Votum der Schülerschaft war ab sofort für den Schülerrat bindend.
Jahrzehntelang waren die Abiturientenreden eine Art Initiationsritus gewesen: Eltern und anwesenden Honoratioren wurde gezeigt, dass man gereift ist, um in die Welt der Erwachsenen eintreten zu können. Ganz anders die Abiturientenrede, die im Sommer 1968, wenige Wochen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke und den großen Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze, gehalten wurde. Martin Morloks Thema war die "Demokratisierung der Schule": Freie Kurswahl, Mitbestimmung bei den Unterrichtsinhalten, freie Wahl der Schulleiter: Die Schule muss, das war der Kern der Rede, "Instrument zur Veränderung der Gesellschaft" werden.
War die Schule zur eigenen Veränderung imstande? "Man kann nicht zwei Jahrzehnte lang der Jugend vorwerfen, sich interessiere sich nicht für Politik, und hernach ihr politisches Engagement verurteilen, wenn die Richtung nicht passt", schrieb Robert Kieser, der "Cicero vom Goldberg", in einem Leserbrief. Wie populär seine Ansicht war, sollte sich bei der Abiturientenverabschiedung am 19. Juli 1969 zeigen.
"Sie dürfen, Sie können, Sie müssen Ihr Leben anders gestalten als die Generation, die Sie erzogen hat!", rief Direktor Helmut Sieber den Abiturienten zu. Anschließend bestieg der Abiturient Dieter Pfleiderer das Podium. Die Schule schaffe unpolitisch denkende, unkritische und angepasste Individuen, erklärte er. Mehr noch: "Wie die alte Führungselite das Heraufkommen der Nazis begünstigt hat, so wird auch die drohende Expertokratie dem Demokratie ein Ende bereiten!" Das wollte Direktor Sieber nicht auf sich bzw. seiner Schule sitzen lassen. Etwa außerhalb des Protokolls hielt er aus dem Stegreif eine geharnischte Erwiderungsrede, was einerseits den Beifall zahlreicher anwesender Eltern und Honoratioren fand, andererseits die Atmosphäre des Abends nachhaltig trübte. (Die missratene Feier war Auslöser für eine heftige Leserbriefdebatte und beendete die Tradition der offiziellen Abiturientenfeiern für mehr als ein Jahrzehnt.)
"Die Frage nach der Legitimation von Amts- und Elternautorität wurde mit unnachsichtiger Radikalität gestellt", heißt es leicht erschauernd in der Festschrift um 50.Jahrestag des Goldberg-Gymnasiums. Ganz so schlimm ist es - schließlich war man nicht in Berlin oder Frankfurt, sondern eben in Sindelfingen - auf dem Goldberg doch nicht zugegangen. Jedenfalls stellte ein aufmüpfiger Schüler, nachdem er gerade mehr Mitbestimmung bei den Unterrichtsinhalten gefordert hatte, sofort klar, wie das zu geschehen habe: "natürlich im Rahmen des Lehrplans."
Die vollständige Geschichte des Goldberg-Gymnasiums und seiner Vorläuferschulen ist als Buch in der Buchhandlung Röhm erhältlich (Preis 5 €)