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"Hungrig und hungernd zugleich"

Schulgeschichte, Teil 4
von Michael Kuckenburg, Geschichtslehrer am Goldberg-Gymnasium

Im August 1945, gleich nach seiner Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft, suchte Robert Kieser die höhere Schule auf dem Goldberg auf, an der er seit 1931 unterrichtet hatte. Er traf seinen früheren Direktor Max Borst in tiefer Sorge an: Ihm sei völlig unklar, ob es in Deutschland jemals wieder höhere Schulen geben werde.

Völlig aus der Luft gegriffen war Max Borsts Befürchtung nicht. "Alle pädagogischen Einrichtungen sind zu schließen", hatte die amerikanische Direktive JCS 1067 im April 1945 bestimmt. Sie sah zwar die "Wiedereröffnung der Volksschulen, Mittelschulen und Berufsschulen sobald wie möglich nach Ausschaltung des Nazipersonals" vor - aber für die höheren Schulen und Universitäten wurde ein Neubeginn lediglich "in Aussicht genommen".  In den Monaten unmittelbar nach der Befreiung war an eine Wiederaufnahme des Schulbetriebs also nicht zu denken. Die ersten Deutschen, die das Gebäude wieder betreten durften, waren Ende Juni die ehemaligen Sindelfinger Hitlergegner und KZ-Häftlinge Karl Geiselhardt und Emil Hellener: Sie wollten das heutige Klassenzimmer A 31 für die Bezirksgewerkschaft nutzen; erst zwei Monate später wurde Robert Kieser und Max Borst gestattet, das Schulhaus überhaupt zu betreten. Und im September teilte das Landratsamt mit, dass "die Goldbergschule von den amerikanischen Truppen belegt ist und als Universität benutzt wird.

Dudley sei Dank

Immerhin brachte der 1. Oktober einen kleinen Lichtblick: Die Volksschulen im Bezirk wurden wieder eröffnet, und die bisherigen Goldberg-Lehrer durften an ihnen bis auf Weiteres unterrichten - bis dahin mussten sie sich mit Arbeiten in der Landwirtschaft oder in der Zuckerfabrik durchschlagen.

Es lag wohl am Verhandlungsgeschick von Max Borst, dass Charles H. Dudley, Education and Religion Officer der Militärregierung Böblingen, am 21. Dezember die baldige Wiedereröffnung der Goldberg-Oberschule in Aussicht stellte. Am 9. Januar 1946 nahm die Schule ihren Betrieb wieder auf. Von den 513 Schülern betraten die meisten das Schulhaus zum ersten Mal: Seit Herbst 1939 waren hier nacheinander Flaksoldaten, Luftwaffenhelferinnen, NSDAP-Kreisleitung und amerikanische Soldaten untergebracht gewesen.

Kaum vorstellbar

An normalen Unterricht war nicht zu denken: Das Dach war bei Fliegerangriffen stark beschädigt, ein großer Teil der Fenster war zu Bruch gegangen. Selbst Brennstoff war im eisig kalten Winter 1945/46 kaum aufzutreiben, so dass Jungen und Mädchen "frierend und mit hochgeschlagenem Mantelkragen"(Robert Kieser) in ihren Bänken saßen.
Die Schülerzahl war gegenüber 1939 um ein Drittel gestiegen, die Zahl der Lehrer aber von 18 auf 13 gesunken - und von denen mussten 8 befürchten, dass sie wegen ihrer politischen Belastung demnächst entlassen würden. Außerdem waren die bisherigen Lehrpläne von der Militärregierung  (begreiflicherweise) außer Kraft gesetzt worden.

Für Nachgeborene kaum vorstellbar: Trotz all dieser Schwierigkeiten wurde auf dem Goldberg ab dem 9. Januar 1946 ohne Unterbrechung unterrichtet, und offenbar mit großem Elan. Denn das Bedürfnis nach Wissen war ungeheuer groß, besonders bei den Älteren, die noch in den letzten Kriegsmonaten an die Front geschickt worden waren. Für sie war jetzt alles in Frage gestellt worden, was seit ihrer Kindheit offiziell als unumstößlich gegolten hatte. "Der stellvertretende Rektor sagte uns, er habe noch nie eine so lernhungrige Klasse erlebt",  erinnert sich eine Schülerin des Abiturjahrgangs 1946, und Robert Kieser sah rückblickend  die Schüler das Frühjahrs 1946 noch vor sich: "Zugeknöpft bis oben, aber aufgeschlossen für alles, was wieder wichtig und wesentlich war - hungrig und hungernd zugleich."


Ausführliche Schulgeschichte Teil 5





Die vollständige Geschichte des Goldberg-Gymnasiums und seiner Vorläuferschulen ist als Buch in der Buchhandlung Röhm erhältlich (Preis 5 €)