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Im September 1929 war der erste Teilbau der höheren Bezirksschule auf dem Goldberg bezogen worden, am 21. April 1933 wurde der Anbau mit sechs Klassenzimmern eingeweiht. Unglücklicherweise begann am gleichen Tag das schlimmste Kapitel der Schule. Denn kaum hatte Rektor Dr. Kißling seine Ansprache beendet, ergriff Studienrat Max Luib das Wort - aber nicht als Lehrer, sondern als Kreisleiter der NSDAP und Sonderkommissar für das Oberamt Böblingen - und gab der Schule den Namen "Adolf-Hitler-Schule Böblingen". Anschließend wurde das Horst-Wessel-Lied gesungen.
Trauriger Rekord: Die Schule auf dem Goldberg war die erste in Deutschland, die nach Adolf Hitler benannt wurde. Ob es sich um einen Alleingang des Provinzfürsten Luib (nach dem Krieg als "Mitläufer" entnazifiziert) oder um eine vorher abgesprochene Aktion handelte, wissen wir nicht.
Fast gleichzeitig mit dem Namen änderte sich der Unterricht. Am 5. Mai wurde die Behandlung der Weimarer Verfassung aus dem Lehrplan gestrichen, Bücher "demokratischen Inhalts" waren laut Erlass aus den Schulbüchereien zu entfernen. Stattdessen sollten die Schüler "mit dem Leben und Wirken der führenden Männer der nationalen Befreiungsbewegung" bekannt gemacht werden. Im gleichen Monat wurden alle Lehrer zum Studium von "Mein Kampf" verpflichtet.
Am 24. Juli wurde der Hitlergruß zur Pflicht: Die Schüler hatten "zu Beginn und Schluss des Unterrichts ihre Lehrer durch Aufstehen und Erheben des rechten Armes zu grüßen. Die Lehrer erwidern mit dem Hitlergruß". Im September wurde Rassenkunde zum verbindlichen Stoff in Biologie. Als Mitte Dezember im Sportunterricht der Kasernenhofton ("In Linie zu einem Glied angetreten - marsch marsch!" usw.) offiziell eingeführt wurde und als ab 23. Dezember das "Führerprinzip" auch im Lehrerkollegium zu gelten hatte, war die "Gleichschaltung" der Schulen perfekt.
Zu diesem Zeitpunkt waren praktisch alle Lehrer Mitglied irgend einer NS-Unterorganisation geworden - weniger aus Begeisterung, eher aus Fügsamkeit, teilweise aus schlichter Angst vor den Drohungen Max Luibs. Und als der im Januar 1935 vom Studienrat zum Oberstudiendirektor (!) befördert wurde und eine Stelle in Ravensburg erhielt, hatten sich die meisten wohl an die neue Situation gewöhnt.
Welcher (Un-)Geist an der "Adolf-Hitler-Schule" Böblingen herrschte, verdeutlicht die Rede Dr. Kißlings im März 1936: "Die Worte des Führers in ‚Mein Kampf' sind oberste Richtschnur. Deshalb steht das Urteil über die körperliche Leistungsfähigkeit im Zeugnis an erster Stelle. In Geschichte lernt der deutsche Junge deutsche Helden kennen, erfährt von der Überlegenheit der deutschen Soldaten. In Physik und Chemie lernt sie den unerreichbaren deutschen Erfindergeist kennen, in allen anderen Fächern wird der Glaube an unsere Überlegenheit gestärkt, und erhärtet wird dieser Glaube in dem Dienst in der HJ." Etwa zu diesem Zeitpunkt waren so gut wie alle Schülerinnen und Schüler Mitglieder der HJ; die drei Ausnahmen wurden im Tagebuch ("auf Wunsch der Mutter nicht im BdM"; "Mutter: nicht arisch") vermerkt .
1938 trug die "Adolf-Hitler-Oberschule Böblingen" den Zusatz "für Jungen", blieb aber weiterhin für Mädchen geöffnet, weil die nächste Mädchenoberschule in Stuttgart und damit schwer erreichbar war. Ab 1943 wurde aus der "Oberschule für Jungen" in den oberen Klassen praktisch eine Mädchenschule: Die Schüler der obersten Klasse 8 waren fast durchweg Soldaten, fast sämtliche Jungen der Klasse 7 waren als Flakhelfer dienstverpflichtet. 64 Jungen vom Jahrgang 1925/26 haben die "Adolf-Hitler-Oberschule für Jungen" besucht. 18 von ihnen sind, allesamt in den letzten Kriegstagen, als Soldaten umgekommen. 18 der 55.000.000 Toten des Zweiten Weltkriegs.
Am 21. April 1945, genau zwölf Jahre nach ihrer Umbenennung, verlor mit der Befreiung Sindelfingens durch französische Truppen die "Adolf-Hitler-Schule" ihren Namen.
Die vollständige Geschichte des Goldberg-Gymnasiums und seiner Vorläuferschulen ist als Buch in der Buchhandlung Röhm erhältlich (Preis 5 €)