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Unterricht zwischen Weihrauch und Pferdemist

Schulgeschichte, Teil 1
von Michael Kuckenburg, Geschichtslehrer am Goldberg-Gymnasium

Am 10. März 1395 verlieh Claus Vöginger, Chorherr im Sindelfinger Stift, eine Hofstatt an Cunz den Mayer, genannt Dillimutz. Bei dieser Gelegenheit wird ganz beiläufig „die schul" erwähnt: Sie grenzt an die verliehene Hofstatt an. Aus der beiläufigen Erwähnung kann man schließen, dass sie schon lange bestanden haben muss.

Die gesamte Schule war in einem einzigen Raum untergebracht, der im Winter kalt, dunkel und verqualmt war. Sofern das Stockwerk darüber frei war, bewohnte es der Schulmeister mit seiner Familie; wurde es anderweitig genutzt (z.B. als Speicher), dann war das Schulzimmer zugleich LehrerWohnung.

Über die Sindelfinger Schüler wissen wir wenig. Es gab bis 1649 keine Schulpflicht, und so schwankte ihre Zahl - vielleicht je nach Strenge und Qualifikation des Schulmeistern? - ständig; sie soll Ende des 15. Jahrhunderts zwischen .19 und 47 betragen haben. Das Schulalter lag in der Regel zwischen sechs und vierzehn Jahren, aber es wird auch von fünfjährigen Knaben berichtet. Einige waren „fahrende Schüler": Sie kamen von weit außerhalb und mussten für ihren Unterhalt selbst sorgen - oft genug durch Betteln.

Auch der Schulmeister war alles andere als wohlhabend: Er wurde vom Stift eingestellt, kontrolliert und konnte kurzfristig entlassen werden. Als Einkommen erhielt er zu Martini drei Malter Roggen, zehn Malter Dinkel und drei Malter Haber aus dem Zehnten des Stifts. Dieses "Grundgehalt" konnte er durch das Schulgeld seiner Schüler aufbessern. Aber das musste er schon selbst einziehen.

Frühe Ganztagesschule

Der Unterricht begann in der Regel um sechs Uhr morgens und endete, von mehreren längeren Pausen unterbrochen, um vier Uhr nachmittags. Damit waren die Verpflichtungen der Schüler noch längst nicht erledigt: Sie besuchten schließlich eine Schule des Stifts, und so wurden sie zusätzlich als Ministranten und Chorsänger eingesetzt.

Die Knaben unter Aufsicht

In den meisten Fällen begann der Arbeitstag eines Schülers um fünf Uhr mit dem Morgenamt und endete am späten Nachmittag mit dem Vespergottesdienst. Ferien waren unbekannt, allerdings gab es weitaus mehr Feiertage als heute. Und auch in ihrer spärlich bemessenen Freizeit unterstanden die Knaben der Aufsicht und Strafgewalt ihres Schuhmeisters, der ihnen sogar die Kleidung vorschrieb: Spitze geschnäbelte Schuhe, kleine Käpplein und spitze Degen waren verboten.

Die Schule im Stiftsbezirk war in erster Linie Lateinschule; aber Latein war weitaus mehr als bloßes Unterrichtsfach. Es war über viele Jahrhunderte hinweg die "offizielle Sprache" der Kirche, der Gelehrten, der Regierenden (und wurde erst im 18 Jahrhundert vom Französischen aus seiner privilegierten Stellung verdrängt).

Ziel des Unterrichts war also vor allem, Lateinisch lesen, schreiben und möglichst flüssig sprechen zu lernen.

Schon damals Sparpolitik

Die Böblinger Lateinschule wird, ebenfalls beiläufig, 1523 erwähnt. Im Unterschied zur Sindelfinger Schule unterstand sie der Stadt, die ihrerseits dem Hause Württemberg unterstand. Dass auch damals schon an der Bildung gespart wurde, zeigt die Lage der Böblinger Schule: Sie befand sich im ersten Stock eines herrschaftlichen Pferdestalls.

Der erste uns bekannte Böblinger Lehrer ist Joachim Aitinger aus Ulm. Während des Bauernkriegs 1525 stellte er sich auf die Seite der Unterdrückten und wurde deshalb nach der verheerenden Niederlage der Bauern am 12. Mai 1525 vertrieben - wenn ihm nicht Schlimmeres widerfahren ist.


Ausführliche Schulgeschichte Teil 2





Die vollständige Geschichte des Goldberg-Gymnasiums und seiner Vorläuferschulen ist als Buch in der Buchhandlung Röhm erhältlich (Preis 5 €)

Goldberg-Gymnasium
Lange und bewegte Geschichte

Am 10. März 1995 hat das Goldberg-Gymnasium sein 600-jähriges Jubiläum gefeiert, diesen Herbst begeht es seinen 75. Geburtstag. Läuft die Zeit auf dem Goldberg rückwärts?
Mitnichten: Am 10. März 1395 ist eine der beiden Vorläuferschulen des Goldberg-Gymnasiums (die Lateinschule am Sindelfinger Stift) erstmals urkundlich erwähnt worden. Am 14. September 1929 wurde das Gebäude auf dem Goldberg bezogen: Die Böblinger und die Sindelfinger höheren Schulen haben sich nach jahrzehntelangen zähen Verhandlungen buchstäblich in der Mitte, nämlich auf dem .damals völlig unbesiedelten Goldberg, getroffen- der Beginn einer bis heute andauernden Erfolgsgeschichte.
Gefeiert wird der 75. Geburtstag der Schule am 21. Oktober mit einem Fest der Schülermitverwaltung, am 22. Oktober mit einem Abend in der Stadthalle und am 23. Oktober mit einem Tag der Begegnung in der Schule.